Offener Brief

15.11.2016 10:28

Rostock, 12. November 2016

Sehr geehrter Präsident der Bürgerschaft Herr Dr. Nitzsche,

zu Beginn unserer letzten Bürgerschaftssitzung haben Sie eine circa zehnminütige Rede zum Gedenken und Erinnern an die Opfer der Reichspogromnacht vom 09. November 1938 gehalten und zu einer Schweigeminute aufgerufen.

Das war angesichts der vom Nazi-Regime organisierten Verbrechen gegen die jüdische Bevölkerung gut und angemessen.

Vor dem Hintergrund unserer jüngeren deutschen Geschichte ist der 09. November aus einem weiteren Grund ein Gedenk- und Schicksalstag: es ist der Tag des Mauerfalls, des Erfolges der friedlichen Revolution in der DDR gegen das SED-Regime, auf den ein Jahr später die deutsche Wiedervereinigung folgte.

Die Kontexte dieser beiden Schicksalstage und Wendepunkte in der deutschen Geschichte sind inhaltlich, ideologisch und politisch sehr unterschiedlich, möglicherweise sogar gegensätzlich und polarisierend.

Dennoch sollte man versuchen, diesen beiden für unsere deutsche Geschichte sehr bedeutsamen Tagen gleichermaßen Rechnung zu tragen.

Aus Rücksicht auf die Unterschiedlichkeit der Ereignisse und besonders auf das Gedenken an den 09. November 1938 hätte es sich angeboten, beide Tage mit einem gewissen zeitlichen Abstand innerhalb unserer Bürgerschaftssitzung zu würdigen.

So hatte ich gehofft, daß Sie zum Ende unserer Zusammenkunft auch noch einige Worte zum Tag des Mauerfalls vor 27 Jahren, am 09. November 1989, sagen würden.

Das haben Sie jedoch nicht getan, mit keiner einzigen Silbe. Warum nicht?

Für sehr viele Menschen hier in Rostock und weit darüber hinaus, sogar international, ist der 09. November 1989 ein sehr bedeutsamer, bewegender und freudiger Tag. Ein persönlicher Feiertag, der das Ende des SED-Regimes und der „Stasi“ als als dessen wichtigster Herrschaftsstütze einläutete.

Tausende Menschen waren Opfer der SED-Diktatur und des „Ministeriums für Staatssicherheit“, wurden schikaniert, bespitzelt, unterdrückt, enteignet, von ihren Familien getrennt, verfolgt, angeklagt, verhaftet, gefoltert, umgebracht oder in den Selbstmord getrieben. Millionen Menschen wurden hinter Mauern, Stacheldraht und Todesstreifen in Gefangenschaft gehalten. Wer raus wollte, musste alles zurücklassen, sein Leben riskieren oder den Fluchtversuch mit dem Leben bezahlen.

Ein Besuch der Dokumentations- und Gedenkstätte des BStU in der ehemaligen U-Haft der Stasi Rostock

mit Zeitzeugengespräch veranschaulicht dies exemplarisch, aber sehr eindringlich, und ist all jenen zu empfehlen, die sich an die totalitäre, linksextreme Tyrannei schon jetzt nicht mehr erinnern können oder wollen.

Dass Sie anlässlich des 09. Novembers das Ende der SED-Diktatur, das Leiden der Opfer von SED und Stasi mit keinem Wort erwähnten bzw. den friedlichen Verlauf der Revolution von 1989, die dadurch einsetzende Wende und die Wiedererlangung von Recht und Freiheit mit keinem Wort würdigten, finde ich sehr schade.

Rostock hat durch die 12 Jahre Nazi-Diktatur und die 40 Jahre SED-Diktatur im letzten Jahrhundert leider eine sehr unglückliche und unrühmliche jüngere Geschichte.

Viele auch heute noch lebende Menschen haben unter beiden Diktaturen - der faschistischen wie der vermeintlich antifaschistischen - gelitten, weil sie sich gegen die „rechten“ und „linken“ Despoten nicht wehren konnten oder sich nicht wehrlos unterwerfen wollten.

In Ihrer Funktion als Präsident und damit als Repräsentant des Parlaments halten Sie Ansprachen im Namen der Bürgerschaft und der Bürger Rostocks.

Ein Präsident sollte sich nicht einseitig, sondern unparteiisch, überparteilich und um Gerechtigkeit sowie Wahrhaftigkeit bemüht äußern und verhalten.

Ich würde mich freuen, wenn Sie dies künftig noch mehr beherzigen könnten.

Mit freundlichen Grüßen,

Sonja Schweinitz

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