Die "Essbare Stadt"

06.09.2016 11:20

Die Idee Obst und Gemüse an öffentlichen Orten anzubauen, erscheint erst einmal sympathisch. Leider werden bei diesem Vorschlag der Grünen in Rostock die immensen Folgen nicht bedacht.

Vor ca. 50 Jahren hat man begonnen, Obstbäume weitestgehend aus Städten zu entfernen. Die Gründe werden aber heute nichtmehr kommuniziert, da die damaligen Akteure bereits in Rente oder verstorben sind. Aus einigen Gesprächen mit ehemaligen Stadtplanern ostdeutschen Kommunen lässt sich folgendes Bild generieren:

Obstbäume

Obstbäume brauchen eine fachmännische Pflege, die im öffentlichen Raum nicht zu gewährleisten ist. Bei Fehlen dieser Pflege geht der Ertrag mit der Zeit deutlich zurück. Weiterhin werden die Obstbäume von Schädlingen befallen, welche meist nur chemisch bekämpft werden können (Chemie im öffentlichen Raum). Das wirkt sich natürlich auch negativ auf das Obst aus. Vom Verzehr ist hier abzuraten. Bei Nichtbehandlung und Befall von Schädlingen wird das Obst ebenfalls ungenießbar.

Hier einige Schädlinge:

  • Apfelmehltau
  • Apfelbaumgespinstmotte
  • Ringel – und Schwammspinner
  • Apfelwicklers
  • Obstmade
  • Birnengitterrost
  • Birnengallmücke
  • Birnenpockenmilbe
  • Kirschfruchtfliege

Da Passanten im Regelfall keine Leiter oder Obstpflücker dabei haben, können sie meist nur auf Fallobst zurückgreifen. Gefallenes Obst hat allerdings Faul-, Schimmel- und Druckstellen, was eine Mitnahme eher unwahrscheinlich macht.

Das Obst bleibt liegen, Wege, Plätze und Rasenflächen werden zu übel riechenden Matschstellen und locken verschiedene Klein- und Nagetiere, wie z.B. Ratten an. Die Stadtverwaltung muss sich dann zusätzlich um die Bekämpfung kümmern.

Baumpatenschaften

Patenschaften durch Einwohner, die einen Baum Pflegen wollen, entstehen meist in Euphorie, welche mit der Zeit nachlässt. Menschen investieren nicht auf Dauer Zeit und Kraft, ohne durch den Ertrag belohnt zu werden. Eine solche Ertragssicherung für den Pfleger, ist im öffentlichen Raum nicht zu gewährleisten. Da Patenschaften nicht verpflichtend sind, kommt es somit schnell zur Beendigung und die Kommune muss zusätzlich einspringen. Die Pflegekosten für Obstbäume sind 60 bis 80 % höher als für normale Laubbäume.

Gemüse

Gemüse im öffentlichen Raum bringt noch größere Probleme mit sich. Hier braucht man eine kontinuierliche Wasserversorgung. Man muss das Gemüseumfeld unkrautfrei halten, da dieses die Wachstumskraft stiehlt. Die Anbauflächen müssen vor Vandalismus, Nage- und Wildtieren (Wildkaninchen, Wildschweine) geschützt werden. Die Rufe zur Bekämpfung dieser werden dann bekanntlich schnell laut. Ein Ertrag ist wiederum für den Pfleger nicht gewährleistet, er stellt den Anbau ein und es entstehen weitere vermeintliche und kostenintensive Aufgaben für die Stadt.

All diese Probleme sind im Kleingartenwesen bereits gelöst und gesetzlich fassbar gemacht. Einwohner können hier Obst und Gemüse anbauen, pflegen und sind sich ihres Ertrages sicher.

In Kleingartenvereinen wird rege die Ernte zwischen den Gärtnern ausgetauscht, es hat sich eine ausgeprägte Garten- und Sozialkompetenz entwickelt, die grüne Lunge der Stadt wird gespeist und wir sehen einen positiven Erholungseffekt bei den Beteiligten. Dazu generiert die Stadt Einnahmen durch die Verpachtung von Gartenflächen.

Der Kleingarten ist außerdem die kostengünstigste Variante, ganzjährig eine Oase im Freien für die Gesundheit der Familie zu schaffen.

Das Fazit liegt klar auf der Hand. Man kann nicht ernsthaft wollen, dass die Stadt im Endeffekt zusätzliche Probleme, Aufgaben und Kosten übergestülpt bekommt. Stattdessen sollte man das Kleingartenwesen unterstützen und fördern.

Maik M. Graske

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